weihnachts-schriftarten

Die diesjährige Weihnachtsgeschichte der Rehaklinik Bellikon war zuerst unvollendet. Dann kamen unsere Patienten und Mitarbeitenden ins Spiel! Nachfolgend finden Sie die schönsten Geschichten. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

 

«Das macht zwei Franken fünfzig, Frau Baumann. Fröhliche Weihnachten!»

Eli bezahlte mit ihrem Patientenbadge den Kaffee und setzte sich, an einer Krücke balancierend mit dem dampfenden Becher in der Hand, in Richtung Klinikterrasse in Bewegung. Missmutig liess sie den Blick über die Handvoll Patienten schweifen, die den Abend dieses 24. Dezembers ebenfalls in Bellikon verbringen mussten. Wo sollte sie auch sonst hin? Ihre Eltern waren betagt und gehörten der Risikogruppe an, und diesem Risiko wollte sie sie nicht aussetzen. Ihr Freund, Assistenzarzt im Kantonsspital Aarau, arbeitete Schicht in der Notaufnahme. Den Heiligabend alleine verbringen, dazu noch mit einer komplizierten und schmerzhaften Oberschenkelfraktur – «ganz hervorragend, Eli», murmelte sie düster in sich hinein.

Draussen hatte die Dunkelheit schon vor über zwei Stunden die Abendsonne verdrängt. Am talseitigen Geländer angekommen, musterte sie die vielen erhellten kleinen Fenster in den Häuschen und Wohnungen der Dörfer zu ihren Füssen. Da und dort war eine geschmückte und gleissende Weihnachtstanne auszumachen.

«Wir hätten es schlimmer treffen können, weisst du?»

Leicht erschreckt drehte sie ihren Kopf in Richtung der tiefen, vergnügt klingenden Stimme. Sie hatte den älteren Mann in seinem Rollstuhl nicht herannahen gehört. «Ich sehe nicht, was an diesem Tag noch schlimmer sein könnte», zischte sie, und bereute ihre Worte sofort, als sie ihren Blick errötend über die beiden Beinstümpfe ihres Gegenübers gleiten liess. Der alte Mann zeigte ein verständnisvolles Lächeln. «Ist schon gut», sprach er nachsichtig, «nenn mich doch Sam. Ich bin mir sicher, dass eine Frau im deinem Alter ganz bestimmt irgendwo Verwandte und Freunde und vielleicht eine Beziehung hat, und dass es halt einfach heute nicht geklappt hat, einander zu sehen. Das ist kein Grund, den Kopf so hängen zu lassen. Ich würde wetten, dass du diese Woche noch jemanden zum Feiern triffst.»

«Du hast Recht, Sam, und sorry wegen vorher», entgegnete Eli, «aber ein anderer Tag dieser Woche ist nun mal nicht Heiligabend. Entschuldige mich, es wird langsam kalt.» Sie liess Sam auf der Terrasse alleine und machte sich auf in Richtung Bettenhaus, wo ihr Zimmer auf sie wartete.

Als sie es kurz darauf betrat, fiel ihr ein Briefumschlag auf dem Kissen ihres gemachten Bettes ins Auge. Der war vorher noch nicht da, dachte sie verwundert. «Für Eli, von deinem Mitpatienten Sam», war in verschnörkelter Schrift auf dem Umschlag zu lesen. «Ich habe ihm meinen Namen nicht genannt!», flüsterte sie, als ihre Verwirrung zunahm, «und wie konnte er vor mir in meinem Zimmer und bereits wieder weg sein?» Mit erwartungsvollem Blick ergriff sie den Umschlag und öffnete ihn.

 

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Sie schreckte auf. Völlig verschwitzt lag sie in Ihrem Bett im Zimmer 1.24 in der Aussenstation der Rehaklinik Bellikon. Die neuen Medikamente müssen sie völlig umgehauen haben. Es war gegen 17.00 und sie konnte sich erinnern, dass sie am Morgen um 10.00 Therapie hatte, sie danach die neuen Medikamente eingenommen hatte und sich dann in Ihr Zimmer zurückgezogen hatte.

Sie merkte wie sie grossen Hunger verspürte. Doch sie wollte vor dem Abendessen noch duschen und sich frisch machen. Während des Duschens musste sie ununterbrochen an ihren Traum denken. Sie hatte hier noch nie den Mann aus dem Traum gesehen. Ausserdem hatte sie hier in der Reha Bellikon auch niemanden mit dem Namen «Sam» kennengelernt. Verwirrt kam sie zum Schluss, dass ihr bestimmt die neuen Medikamente einen Streich spielten. Mit ihren Krücken «bewaffnet» machte sie sich auf den Weg in den Essenssaal.
Dort angekommen sah sie einen grossen Tisch, der sehr schön und mit dem nötigen Coronaabstand gedeckt war. Es war für neun Leute gedeckt, drei Patienten sassen schon am Tisch und fragten sie ob sie sich setzen wolle. Sie stimmte zu und setzte sich neben Alex, den sie schon am ersten Tag in Bellikon kennengelernt hatte und mit dem sie sich gut verstand. Da dieses Jahr nur neun Patienten den Heiligabend in der Rehabellikon verbrachten, hat sich das Küchenteam überlegt, dass es für jeden Patienten sein Lieblingsessen zubereiten will, um jedem Patienten eine kleine Freude zu bereiten. Eli hatte sich für «Älplermagrone» entschieden und freute sich riesig darauf. Um 18.30 kam das ganze Küchenteam an den Tisch, servierte das Essen und wünschte allen einen schönen Heiligabend. Ausserdem erklärten sie den Patienten, dass ihnen zwei umfunktionierte Köche als Kellner zur Seite stehen damit sie das Essen in vollen Zügen geniessen können und sich um nichts kümmern müssen. Die Patienten bedankten sich für die ganze Mühe, die das Küchenteam auf sich nahm um den Patienten einen schönen Heiligabend zu bescheren. Das Küchenteam nahm den Dank gerne entgegen und man sah in Ihren Gesichtern, dass sie sich riesig freuten.
Die Patienten fingen an zu essen, Eli freut sich riesig über Ihre «Älplermagrone», denn es waren die besten die sie je gegessen hatte. Die Küche in der Rehaklinik Bellikon hat ihr Handwerk im Griff! Auch die anderen Patienten hatten viel Freude an Ihrem Essen. Die Stimmung war gut, weswegen viel geredet und gelacht wurde. Die schmerzen waren für einige Minuten verschwunden.
Um 20:00 verabschiedete sich Eli vom Tisch um in der Vista Coffee & Lounge noch einen Café zu trinken um den Abend ausklingen zu lassen.

Sie dachte an ihren Freund und wie sich kennengelernt haben. In Gedanken versunken schloss sie die Augen…
Ihr Handy riss sie durch das laute Klingeln eines Anrufes aus ihren Gedanken. Auf dem Display sah sie die Nummer ihres Bruders Bruno, der vor elf Jahren mit seiner Freundin nach Spanien ausgewandert war. Sie hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr (abgesehen von Videoanrufen) gesehen. Sie freute sich, dass er an Heiligabend an sie denkt und sie anruft. Sie nahm überglücklich den Hörer ab und erkundigte sich wie es ihrem Bruder geht. Doch anstatt einer Antwort auf ihre Frage sagte ihr Bruder: «Schwesterherz dreh dich doch kurz um» und beendete das Telefonat.
Sie drehte sich um und traute ihren Augen nicht. Den vor ihr stand wirklich ihr Bruder mit seiner Freundin Anna. Doch was Eli noch mehr aus dem Konzept brachte, war das Anna ein dick eingepacktes Bündel auf dem Arm hatte, das sich zu bewegen schien. Sie wusste zwar, dass Anna schwanger war, was sie jedoch nicht wussten war dass ihr Bruder bezüglich der Schwangerschaftswoche und des Geburtstermins ein wenig geflunkert hatte um Eli zu überraschen. Eli hatte ein riesen Smile auf dem Gesicht, blieb jedoch vor Verwunderung wie angewurzelt stehen. Bruno kam auf sie zu und umarmte sie ganz fest und lange, wobei Eli ihre Freudentränen nicht zurückhalten konnte. Danach gab ihm Anna das kleine «Bündel» in die Hand und auch sie umarmte Eli ebenfalls sehr lange und herzlich.
Sie setzten sich und Bruno sagte zu Eli: «Bevor wir einander erzählen wie es uns so geht und was alles passiert ist, möchten wir dir jemanden vorstellen. Das ist dein Neffe «Sam». Er ist vor 14 Tagen mit einem Gewicht von drei Kilo und einer Grösse von 42 cm in Madrid zur Welt gekommen. Wir haben bezüglich des Geburtstermins ein wenig geflunkert, um dich überraschen zu können. Möchtest du ihn mal halten und dich Ihm vorstellen?»
«Aber natürlich» entgegnete Eli. Bruno gab ihr behutsam Sam auf den Arm. Eli schossen Tränen in die Augen als sie das Kind auf dem Arm hatte. Sie stellte sich mit den Worten vor: «Hallo Sam, ich bin deine Tante Eli und egal was auch passiert, ich werde immer für dich da sein.» Der kleine Sam fing an zu lachen und nahm mit seiner ganzen Hand einen Finger von Eli in die Hand. Bruno sagte: «Sam scheint dich zu mögen, er ist längst nicht zu jeder Person so.»
Eli vergass für einen Moment alles um sich herum, schaute den kleinen Sam einfach nur an und schaukelte ihn in ihrem Arm. Die Eltern des kleinen Sam bemerkten wie Eli den Moment genoss und sprachen sie bewusst nicht an, so dass sie diesen Moment voll und ganz auskosten konnte. Für Eli war es ein Moment, den sie schon so lange nicht mehr erlebt hat, denn sie hatte keine Schmerzen und hatte sogar vergessen, dass sie eine Oberschenkelfraktur hatte.
Nach einigen Minuten sah Eli wieder zu Bruno & Anna auf und fragte sie, ob es okay ist wenn sie Sam noch ein wenig auf dem Arm halten würde. Bruno musste schmunzeln und sagte: «Natürlich, wir sind unter anderem aus diesem Grund hier.»

Es begann ein langes Gespräch in dem sie sich gegenseitig erzählten was alles passiert ist und wie es Ihnen geht. Sie sassen stundenlang in der Vista Coffee & Lounge und haben viel geredet und gelacht. Für Eli war es die beste Medizin, die sie zurzeit bekommen konnte. Der kleine Sam war unterdessen auf dem Arm vom Eli eingeschlafen…

Um 23:00 sagte Eli traurig, dass die Besuchszeit hier in der Reha leider vorbei sei und das sie sich schon wieder verabschieden müssen. Da lachte ihr Bruder und sagte ihr:  «Liebe Eli du kennst doch deinen Bruder. Bei der Planung dieser Reise haben wir natürlich deinen Freund mit einbezogen. Er hat seine Spitalkontakte spielen lassen und uns ermöglicht, dass wir eine Nacht ein Zimmer neben deinem übernachten dürfen. Ach übrigens stösst dein Freund morgen auch noch zu uns.»
Eli war völlig baff, nun verstand sie auch wieso ihr Freund bei der letzten Verabschiedung gesagt hat: «Du wirst sicher einen schönen Heiligabend in Bellikon erleben.» Sie musste schmunzeln, denn diese ganze Aktion passte perfekt zu ihrem Bruder, er war schon immer sehr einfallsreich und immer für eine Überraschung zu haben.
Sie redeten noch bis spät in die Nacht hinein. Als alle müde waren, gingen sie auf das Zimmer in dem Bruno und Anna noch eine Überraschung für Eli hatten. Nachdem sie Sam ins Bett gebracht hatten, übergaben sie Eli etwas, was in Geschenkpapier eingewickelt war. Eli sagte: «Ihr habt mir doch schon das schönste Geschenk gemacht, das wäre doch nicht nötig gewesen.» Anna sagte: «Du wirst sicher Freude daran haben, komm mach es auf.»
Eli öffnete das Geschenk und es kam eine schöne Holzplatte zum Vorschein, auf dem die Hand- und Fussabdrücke mit dem Geburtstag des kleinen Sam eingraviert waren. Ausserdem war die Überschrift «Für meine tolle Tante Eli» eingraviert, und es war ein Bilderrahmen mit einem Bild von Sam beigelegt. Eli freute sich riesig über das Geschenk und nahm beide fest in den Arm.
Danach verabschiedeten sie sich und machten ab, dass sie am nächsten Tag zusammen frühstücken und danach den Tag zusammen verbringen würden.

Als Eli in ihrem Bett lag, war sie todmüde, jedoch überglücklich. Sie musste an den Traum, den sie am Nachmittag hatte, denken und schmunzeln. Hat ihr dieser Sam im Traum nicht erzählt dass sie diese Woche «noch jemanden zum Feiern treffen würde.» Sie dachte sich: «Schon cool dass von diesem komischen Traum genau die schönste Stelle in Erfüllung ging. Ausserdem ist es ein Wunder, dass der Name des Mannes in meinem Traum genau der gleiche war wie der meines Neffen.» Sie hätte sich kein schöneres Weihnachtsgeschenk vorstellen können.
Sie schaute noch lange auf die Abdrücke und das Foto von Sam, bis Sie schliesslich überglücklich und mit Freudentränen in den Augen einschlief…

Mit erwartungsvollem Blick ergriff sie den Umschlag und öffnete ihn.

«Hoi Hoi! Ich bin es, Sam, den du getroffen hast. Als du ganz alleine draussen gewesen bist am Geländer. Ich würde dich gerne kennenlernen und mit dir zusammen ein offenes Gespräch führen. Denn ich glaube dass wir uns sicher gut verstehen werden. Ich möchte dir etwas erzählen über mich, was mir widerfahren ist, wenn du dich dafür interessierst. Und genug Zeit mitbringst, wir haben ja genügend Zeit dafür. Ich würde mich mächtig freuen! Mit dir die Zeit zu nutzen die wir gemeinsam haben. Denn ich bin seit 10 Monaten schon hier. Und hatte nie gross Kontakt mit den Leuten. Aber du bist mir ins Aug gestochen. Wie du so ganz alleine vor dem Geländer stehst mit dem Kaffee in der Hand. Da sah ich, dass du in tiefen Gedanken bei deinen Liebsten sein möchtest. Denn ich weiss, was das heisst, die Liebsten um sich zu haben. Und eins muss ich dir noch sagen, man weiss nie was als nächstes durch die Tür kommt. Du denkst sicher warum ich dir schreibe und an dich denke. Als ich noch jung war, hatte ich eine liebe Frau. Und an sie hatte ich gedacht als ich dich sah. So ganz alleine in der Vollmondnacht. Und ich hätte eine gute Idee, ob du mit mir den Heiligabend verbringen möchtest. Bei einem guten Essen. Und dass wir uns die Zeit nehmen für uns, dass wir uns besser kennen lernen.»

Als Sam und Eli den Heiligabend miteinander verbringen und langsam die Nacht zur Neige geht, sagt Sam zu Eli. «Ich bedanke mich herzlich für den schönen Weihnachtsabend zu zweit.» «Auch ich fand es sehr schön, dass du dir für mich die Zeit genommen hast.» Sie schaute ihm tief in die Augen und sah, dass er das schon lange nicht mehr gehabt hat. Ohne grosse Worte sahen sie sich an. Und es überfiel sie beide mit einem Lächeln. Sam äusserte sich, von Herzen: «Ich habe dich echt liebgewonnen. Und merke, dass wir uns bestimmt wiedersehen.» Sam beschloss zu gehen und verabschiedete sich von Herzen. Eli fragte Sam: «Darf ich dich begleiten zu deinem Zimmer?» Sam entgegnete: «Ein ander Mal.»

Als der nächste Tag anbricht, sucht Eli Sam. Darauf sucht und sucht Eli in der ganzen Klinik. Bis ihr die Klinik sagte, dass es keinen Sam gibt……… NEIN NEIN NEIN. Es muss ihn geben. Mein Junger Alter Freund!

Liebe Eli, las sie, wahrscheinlich bist du jetzt gerade sehr erstaunt und fragst dich, warum ich dir diese Zeilen schreibe. Ich möchte dir eine Geschichte erzählen…

 

Ein Schüler kam einst zu seinem Meister und beklagte sich über die Menschen, die ihn in letzter Zeit schlecht behandelt, beleidigt und verletzt haben.

Am nächsten Tag kam der Meister mit Steinen und einem Stift zur Arbeit und überreichte diese dem Jungen. «Ich möchte, dass du den Namen jeder Person, die dich in der letzten Woche verletzt hat, auf einen Stein schreibst.» Dem Schüler kommen schnell einige Namen in den Sinn. «Gut, hier hast du einen Sack, lege nun alle Steine in den Sack und trage ihn die nächsten Tage überall hin mit.»

Am ersten Tag ging das noch gut, doch schon am zweiten Tag spürte der Schüler Schmerzen in den Schultern und der Sack wurde immer lästiger. Nach einigen Tagen ging er wieder zum Meister. «Und, hast du etwas aus dieser Übung gelernt?», wollte der wissen. «Ich denke schon», antwortete der Schüler. «Wenn ich anderen nicht vergebe, trage ich diese schlechten Gefühle immer mit und sie schaden mir, so wie die Steine.» «Genau, du kannst den Personen vergeben und so die Steine und die Last loswerden. Überlege dir nun bitte, welchen Personen du vergeben willst und nimm den entsprechenden Stein aus dem Sack. Dann überlege dir auch, welche neuen Personen dich in den letzten Tagen verletzt haben, schreib deren Name wieder auf einen Stein und lege auch diese in den Sack.» Der Schüler wurde stutzig, er erkannte, dass sich der Sack so nie leeren würde.

 

Liebe Eli, betrachten wir die Geschichte mal von der anderen Seite. Was geschieht mit Menschen, die die Verursacher solcher negativen und verletzenden Gefühle sind - ob mit Absicht oder nicht, lassen wir jetzt mal stehen - dies im Nachhinein dann aber bitter bereuen und unter dieser Last leiden? Ich denke wir Menschen müssen lernen einander zu vergeben, aber auch um Vergebung zu bitten. So können wir über diese entstandene unsichtbare zwischenmenschliche Schlucht eine Brücke schlagen. Der erste Schritt erfordert oft allen Mut, den wir zusammenkriegen, doch was daraus entstehen kann, grenzt an ein Wunder.

Ich würde dir gerne im persönlichen Rahmen meine eigene Geschichte dazu erzählen, die, wenn ich das vorwegnehmen darf, auch dich betrifft. Ich bin überzeugt, dass heute Abend der richtige Zeitpunkt dafür ist und will dich fragen, ob du bereit dazu bist, Freiheit in dein Leben zu lassen.

Ich warte unten bei der Vista Coffee & Lounge auf dich.

Sam

 

Ohne zu zögern dreht sich Eli um und macht sich sofort auf den Weg in die gemütliche Cafeteria. Was wird das wohl für eine Geschichte sein und was hat das Ganze mit ihr zu tun, überlegt sie. So richtig wohl ist ihr dabei nicht. Zudem hat sie die Geschichte direkt ins Herz getroffen, da Sie sich momentan in einer ähnlichen Situation befindet. Einen Monat zuvor hatte sie nämlich einen Autounfall, bei dem sie schuld war. Sie hatte beim Überholen einen Motorradfahrer übersehen und ist frontal mit ihm kollidiert. Die Beifahrerin des Zweirads erlag noch auf der Unfallstelle ihren schweren Verletzungen, der Fahrer wurde ins Spital gebracht. Heute leidet sie stark unter dieser Last und trägt diese, genau wie oben beschrieben, wie schwere Steine auf dem Rücken.

Unten angekommen hält sie Ausschau nach dem Mann im Rollstuhl. Er winkt ihr schon von weitem zu und Eli setzt sich zu ihm. Nach einigen Minuten Smalltalk wird Sam plötzlich ruhig und schaut Eli an. Sie bemerkt wie ihm Tränen über die Wangen rollen. «Eli, ich habe in der vergangenen Zeit sehr viel Böses über dich gedacht und war sehr wütend auf dich. Ich möchte dich um Vergebung bitten, es tut mir leid.» Eli wundert sich, wie kann jemand, den sie gerade erst seit fünf Minuten kennt, schon so viel Schlechtes über sie gedacht haben, dass er um Vergebung bitten muss. Mit einem verwirrten Blick schaut sie Sam an. Nun ziert ein feines Lächeln sein mit Tränen bedecktes Gesicht und er beginnt, seine Geschichte zu erzählen. «Ich bin hier in der Rehaklinik, weil ich vor einem Monat einen Motorradunfall hatte. Meine Frau ist dabei ums Leben gekommen…». Allmählich dämmert es Eli und plötzlich wird ihr klar, warum das nicht nur die Geschichte des alten Mannes, sondern auch ihre Geschichte werden würde.

Mit erwartungsvollem Blick griff sie nach dem Umschlag und öffnete ihn.

Das bernsteinfarbene Papier liess ihre Verwunderung nicht weniger werden. In derselben geschwungenen Schrift, welche den Briefumschlag zierte, lass Eli den Brief. Obschon sie nur wenige Worte mit Sam gewechselt hatte klang seine Stimme in ihrem Kopf:

 

"Liebe Eli,

Ich kann mir vorstellen, wie verwirrend ein aus dem Nichts auftauchender Brief sein kann. Doch Weihnachten ist ein Fest der Liebe und der Geborgenheit. Auf der Terrasse habe ich dir gewünscht, dass du diese Woche noch jemanden zum Feiern triffst. Um diesen Wunsch wahr werden zu lassen, veranstalte ich eine Weihnachtsfeier im hauseigenen Down Town. Ich wäre entzückt darüber, dich gegen acht Uhr willkommen zu heissen!

Alles Liebe, Sam"

 

Auf dem letzten Drittel des Briefes machte Eli ein von Hand gezeichnetes Rentier aus, welches von vielen einzelnen Schneeflocken umgeben war. So eine Zeichnung kann man doch nicht innerhalb weniger Minuten schaffen, dachte sich Eli. Sie haderte mit sich, wollte sie doch eigentlich früh zu Bett gehen, damit dieser Weihnachtstag endlich sein Ende fand. Im Fernseher lief nur die bereits vierte Wiederholung des Filmes „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, welchen sie als Kind immer bei ihrer Grossmutter am Weihnachtsmorgen schauen durfte. Dennoch wollte Eli mehr über diesen alten Sam und das plötzliche Auftauchen des Briefes wissen. Schliesslich überwog ihre Neugier, sich Sam und seine Weihnachtsfeier genauer anzuschauen.

Langsam machte sich Eli auf den Weg. Am noch halb beleuchteten Anfang des Ganges sah sie Noah aus dem Zimmer fahren. Eli war mit Noah in derselben Trainingsgruppe. War auch er auf dem Weg in Richtung Down Town? „Hallo Noah“, winkte ihm Eli zu. Noah drehte sich zu ihr um und winkte ihr zurück.

Am liebsten hätte sie Noah gefragt, ob er auch auf dem Weg zu Sam’s Weihnachtsfeier war, wollte jedoch nicht mit der Tür ins Haus fallen und fragte vorsichtig:

„Was machst du an diesem Weihnachtsabend so?“ „Ich gehe ins Down Town. Ich wurde von einem gewissen „Sam“ eingeladen, dort Weihnachten zu feiern. Kennst du ihn?“, fragte Noah.

Also hatte er auch eine Einladung erhalten! Doch wie konnte Sam Noah auch eine Einladung senden? „Ich hab’ ihn schon mal gesehen, ja“, entgegnete Eli auf seine Gegenfrage. Der Lift ging auf und Noah fragte Eli, in welches Stockwerk sie müsse. Sie erzählte ihm, dass auch sie eine Einladung an die Weihnachtsfeier erhalten hätte und neugierig war, wer dieser Sam war. Zusammen verlief ihr Weg über den hellen Boden der Klinik, vorbei an der fast freistehenden Treppenstruktur bis zu einem kleinen Anstieg, welcher den Eingang ins Down Town bedeutete. Eli half Noah ein wenig, die leichte Steigung zu überwinden.

Als sie dem Flur am Kino vorbei weiter folgten, vernahmen sie sanft klingende Weihnachtsmusik. Eli sah einen geschmückten Weihnachtsbaum, welcher nicht nur mit Christbaumkugeln, sondern auch mit Hygienemasken behängt war. Bei dem Anblick musste Eli lachen und machte Noah darauf aufmerksam. Um den Weihnachtsbaum versammelt, standen die Patienten, die sie vorher bereits auf der Terrasse angetroffen hatte.

 „Wer hat denn den Baum so geschmückt?“, fragte Noah in den Raum. Aus der hinteren Ecke klang die Stimme eines älteren Mannes: „Ich dachte, es würde gut zu diesem Jahr passen. Schön, dass ihr alle gekommen seid.“ Erst nach Sam’s Worten fielen Eli und den weiteren Patienten die Geschenke unter dem Baum auf. „Ich dachte, das wäre Deko, aber da steht mein Name drauf!“, äusserte ein Mann mit vollem Bart, welcher unter seiner Maske hervorquoll. Nun schauten auch die restlichen Patienten auf die farbig verpackten Geschenke in unterschiedlicher Grösse. Eli war sich zuerst nicht sicher, schaute dennoch zwischen den Patienten durch, in der leichten Hoffnung, ihren Namen auf einem der Pakete zu erhaschen. Und tatsächlich! Auf einem kleinen Paket entdeckte sie in geschwungener Schrift ihren Namen. Sie nahm es an sich und begann, das mattrote Geschenkband vorsichtig aufzuziehen. Gleichmässig und schon fast von Geisterhand faltete sich das Geschenkpapier in Elis Hand auseinander. In ihrer Hand fand sie eine Erinnerung. Eine bereits schon fast vergessene Erinnerung. Eine Erinnerung an ihre Kindheit, an eine sorglose und wunderbare Zeit.  Ein schwarzes Pferd mit einer weissen Schnauze schien sie von ihrem Schoss her anzuschauen. „Petterson?“, dachte sie.

Petterson war das Pferd, mit dem sie als Kind immer ausgeritten war. Es waren ihre schönsten Erinnerungen an diese Zeit. Die Hand hielt das Pferd fest umklammert. Vorsichtig darauf bedacht, die aufquellenden Freudentränen zurückzuhalten, sass sie zu dem Kreis aus Mitpatienten um den Baum. Die verschiedenen Patienten erzählten von ihren Schicksalen und gaben einander Tipps, redeten und lachten. Je später der Abend wurde, je mehr Patienten gingen auf ihre Zimmer. Auch Noah verabschiedete sich nach einiger Zeit und fuhr in Richtung Bettenhaus. Erst da fiel Eli auf, dass sie und Sam  alleine in dem Raum waren. Sie bemerkte, dass Sam gar nicht erzählt hatte, was ihm widerfahren war. „Ich hatte einen Unfall mit dem Schlitten“, entgegnete Sam auf ihre Frage, «“Leider ist bei diesem Unfall auch mein guter Freund Rudolf schwer verletzt worden. Und wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann würde ich mir wünschen, dass ich die nächste Weihnachtszeit wieder auf dem Schlitten mit meinem werten Freund erleben darf“ Eli fand den Gedanken von Sam sehr schön, und liess sie freudig auf die Tage hoffen, in welchen sie mit ihrem Freund zusammen sein könnte. Sie wurde von der tiefen Stimme des Mannes aus ihren Gedanken gerissen: „Hat dir deine Erinnerung gefallen?“

„Meine…was? Woher weisst du davon?“, schreckte Eli hoch. „Hast du denn auch etwas mit einer Erinnerung gekriegt?“ Der Mann mit weissem Bart fuhr ein wenig auf Eli zu. Sie sah an seinen Augen, dass er lächelte: „Weihnachten ist ein Fest der Liebe und Geborgenheit. Schöne Erinnerungen bringen einem diese warmen und wohlwollenden Gefühle, die uns an Zeiten erinnern, an dem vielleicht manches einfacher zu sein schien. Ich habe genug schöne Erinnerungen erfahren. Ich bin lieber der, der sie schenkt. Jedes Jahr in der Weihnachtszeit schenke ich vielen Kindern und Erwachsenen Erinnerungen und ein Lachen.“ „Aber wie kannst du einer Person eine Erinnerung schenken, wenn du diese Person nicht kennst?“, überlegte Eli laut. „Wer sagt denn, dass ich dich nicht kenne?“, Sam zwinkerte ihr mit einem amüsierten Blick zu. „Aber…“ „Ich war schon als du klein warst oft im Winter zu Besuch“, Sam nahm zwei Tassen und schenkte sich und Eli am Teeautomaten etwas ein und reichte Eli eine der Tassen. Die bordeauxrote Tasse war mit demselben von Schneeflocken umgebenen Rentier beschmückt, welches Eli auf dem Brief von Sam ausgemacht hatte. Eli nahm einen Schluck. „Apfelpunsch“, ging es Eli durch den Kopf. Diesen hatte sie als Kind am meisten gemocht. Erneut spielte sich eine Erinnerung in Elis Gedanken ab, wie sie an verschneiten Ferientagen in der weihnachtsgeschmückten Stube sass und Apfelpunsch mit ihren Eltern trank. „Ich habe oft zugeschaut, als du mit Petterson im Winter durch den Wald geritten bist. Ich weiss, wie gerne du Apfelpunsch mit deinen Eltern getrunken hast, Eli.“ „Woher weisst du all diese Dinge?“, fragte Eli verdattert. „Ich weiss genau so viel über dich, wie über jedes andere Kind, das in der Weihnachtszeit einen Brief an mich geschrieben hat. Über deine Briefe habe ich mich immer gefreut. Du hast mir viele Geschichten von Petterson geschrieben und über den Apfelpunsch geschwärmt. Auch wenn ich bezweifle, dass mein Apfelpunsch annähernd so gut schmeckt wie der deiner Eltern“, äusserte Sam lachend. „Aber ich habe früher nur… dem Samichlaus Briefe geschrieben…“, ihre Augen weiteten sich. „Ach, Samichlaus, Santa Claus, Nikolaus. Mir gibt man viele Namen. In Luxembourg nennen sie mich sogar Kleeschen. Aber ich mag Sam. Man muss sich der modernen Welt ja anpassen“, schmunzelte Sam weiter. Beim Namen Kleeschen musste auch Eli losprusten: „Warum bist du irgendwann nicht mehr zu uns gekommen?“ „Aus demselben Grund, warum die meisten Kinder aufhören, Briefe an mich schreiben. Ich werde vergessen. Man denkt über andere Dinge nach als den Samichlaus. Aber das Vergessen macht mir nichts, denn die Erinnerungen, die ich schenken kann, bleiben bestehen.“ Eli sah mit gläsernen Augen in ihren Punsch und drehte sich um, da sie nicht wollte, dass Sam sie halb weinend sah: „Ich werde dir schreiben, Sam“, murmelte Eli. „Das wird Rudolf freuen, er hörte immer gern wie es Petterson ging!“ „Danke dir für die Erinnerungen, Sam.“ Nun kamen ihr doch die Tränen. Es waren Tränen der Freude. „Ich habe dir für diese schöne Erinnerung heute zu danken“, klang die Stimme von Sam „Bis nächste Weihnacht, Eli.“

Eli wollte sich umdrehen, um Sam in den Arm zu nehmen. Doch als sie sich umdrehte, war niemand mehr zu sehen.

Mit erwartungsvollem Blick ergreift Eli den Umschlag und öffnet ihn.

Als erstes fällt ein kleiner Engel aus Papier auf den Boden. Eli hebt ihn auf und sieht, dass ein Name darauf steht: "Sam".

War das nicht der Name des alten Mannes mit den Beinstümpfen, den sie vorher auf der Terrasse kennengelernt hat?

Eli fängt an zu lesen:

"Liebe Eli

Es freut mich sehr, dass ich dich kennengelernt habe. Ich wünsch Dir frohe Weihnachten. Ich weiss, dass es für Dich im Moment ganz und gar keine freudigen Tage sind und du lieber zuhause wärst mit deinem Freund und deinen Freunden. Aber denk immer daran, es hätte Dich schlimmer treffen können. Hier in Bellikon hat es Menschen, die keine Freunde und Familie haben, und die das Schicksal viel schlimmer getroffen hat.

Nimm du dein Schicksal in die Hand, sehe es als Chance anderen zu helfen und deinen Mitpatienten ein schönes Weihnachtsfest zu ermöglichen. Ich bin sicher, dass du das kannst. Ich werde dir dabei helfen. Alles liebe, Sam"

Was will dieser Sam, wie sollte sie andere aufmuntern, wenn sie doch selber Aufmunterung brauchte.

In diesem Moment klingelt das Telefon. Es ist ihr Freund. Er hat eine kurze Pause. Er wünscht Eli einen schönen Abend und verspricht ihr, dass wenn sie wieder zuhause ist, sie das Weihnachtsfest nachholen und er eine Überraschung für sie hat!

Eli ist glücklich. Jetzt geht es ihr wieder besser.

Sie hat nichts von dem Brief erzählt, da sie selber nicht weiss, was das Ganze bedeuten soll. Sie wird Sam fragen.

Nun ist es aber Zeit, es gibt Abendessen. Leider hat sie keine schönen Kleider dabei, aber eigentlich ist das ja auch egal, sie ist in einer Reha und nicht in einem Hotel.

Im Speisesaal hat es nicht viele Leute. Die meisten Patienten sind nach Hause.

Eli setzt sich neben eine junge Frau mit verweinten Augen. Eli merkt schnell, dass diese junge Frau ein viel schlimmeres Schicksal getroffen hat.

Nach und nach kommen sie in ein Gespräch und Eli erfährt mehr von dieser jungen Frau. In der Zwischenzeit haben sich noch mehr Leute an den Tisch gesetzt und alle unterhalten sich ausgelassen.

Von Sam fehlt aber jede Spur.

Eli aber dämmert aber langsam, was Sam gemeint hat. Ihr Schicksal ist wahrlich nicht so schlimm. Und sie kann andere aufmuntern und dadurch geht es ihr auch besser. Sie hat wirklich Glück. Ihre Verletzung wird heilen und sie wird nichts davon tragen. Sie hat einen Freund der sie liebt, Freunde, ja sogar ihre Eltern leben noch.

Und diese junge Frau? Hat nichts von all dem.

Nach dem Essen schlägt Eli vor, noch ein Spiel zu spielen in der Cafeteria. Vielleicht findet sie dort auch Sam.

Es wird ein schöner Abend. Es wird gelacht und sogar gesungen. Jeder hat etwas zu erzählen. Und jeder tut dem Anderen gut.

Um 22.00 Uhr machen sich alle auf ins Bett zu gehen. Es war ein schöner Heiligabend.

Eli geht noch auf die Terasse und geniesst den Sternenhimmel.

"Und wie war dein Heiligabend?" Eli dreht sich um. Hinter ihr sieht sie Sam.

"Wo warst Du?" fragt Eli.

"Hier und da", antwortet Sam. "Aber sag, wie war dein Abend?"

"Schön", antwortet Eli, "richtig schön. Ich fühl mich gut. Ich habe nette Menschen kennengelernt, interessante Geschichten gehört und ich habe vor allem gemerkt wie gut es mir eigentlich geht. Ich bin dankbar." Elis Blick geht nochmals zum Himmel, wo sie eine Sternschnuppe sieht. "Hast du das gesehen, Sam!" Eli dreht sich um. Sam ist verschwunden. Wie ist er nur wieder so schnell davon mit seinem Rollstuhl? Sie konnte sich gar nicht bedanken. Eli nimmt sich vor, morgen nach Sam zu suchen.

In dieser Nacht schläft Eli wunderbar.

In den nächsten Tagen wird es Eli nicht langweilig. Sie verbringt ihre Freizeit mit ihren Mitpatienten. Sie hilft und muntert auf. Sie gibt den Leuten Hoffnung und lässt sie ihren Kummer für kurze Zeit vergessen.

Am 30. Dezember darf Eli nach Hause. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge packt sie ihre Sachen. Wieder fällt Eli der Brief von Sam in die Hände. Sie konnte sich nicht mal bedanken. Denn sie hat Sam nicht mehr gesehen. Niemand kannte Sam. Das ganze war sehr komisch. Aber sie war Sam dankbar. Durch ihn hatte sie trotz allem ein wunderschönes Weihnachten.

Zu Hause angekommen, fällt Eli gleich der Brief auf ihrem Kopfkissen auf. Die gleiche schnörkelige Schrift. "Für Eli". Wie kann das sein, fragt sich Eli, wie kam dieser Brief auf ihr Kopfkissen?

Hastig öffnet Eli den Umschlag. Wieder fiel ein kleiner Engel aus Papier zu Boden. Doch diesmal stand ihr Name auf dem Engel: "Eli".

Eli liest den Brief.

"Liebe Eli

Nun bist du wieder zu Hause in deinem Umfeld mit deinem Freund, deiner Familie und Freunden. Du hast gemerkt wie schön dass Du es hast und wieviel Glück.

Du hast Dein Glück geteilt. Du warst für manche der Weihnachtsengel. Du wirst den Leuten in guter Erinnerung bleiben. Denk daran, es gibt Menschen denen es schlechter geht. Diese Menschen brauchen Leute wie Dich, die zuhören, die trösten aber auch mitlachen. Leute die Zeit schenken!

Ich wünsche Dir, Eli, alles Gute.

Sam"

Trotz Bemühungen hat Eli nie erfahren, wer Sam ist oder war. Aber seine Worte und die Weihnachten in der Rehaklinik Bellikon wird sie nie mehr vergessen!

Und sie hat gelernt: Glück kann man teilen!

 

Frohe Weihnachten!

«Liebe Eli», stand da. «Die Weihnachtszeit ist für viele keine einfache Zeit. Viele Menschen haben jemanden verloren oder keine lebenden Angehörigen. Durch die ganze Medienvielfalt werden wir alle immer darauf aufmerksam gemacht, nicht allein zu sein in dieser Zeit. Und doch sind viele allein. Einige Menschen haben dazu noch Verletzungen und Schmerzen, und können die Feiertage nicht richtig geniessen. Wie auch wir zwei, die wir hier in der Rehaklinik sind. Und Trotzdem möchte ich Dir sagen, wie froh und dankbar ich bin, hier sein zu dürfen. Die professionelle Pflege zu erhalten und zu wissen, dass ich wieder gesund gepflegt werde und wieder selbst laufen kann. Ich bin überzeugt, auch bei Dir kommt wieder alles gut! Mit diesem Wissen denke ich, sollten wir Weihnachten feiern und uns freuen. Natürlich sind wir gerade jetzt nicht in den Kreisen unserer Liebsten, aber wir können hier gemeinsam den Abend verbringen und keiner muss allein sein. Ich würde mich sehr freuen, wenn Du zurück ins Restaurant kommst und mit mir und den anderen, die hier sind, gemeinsam Weihnachten feierst. Dein Sam.»

Nachdenklich liess Eli den Brief sinken und setzte sich auf ihr Bett. Es war ihr ein Rätsel, wie Sam ihr den Brief hinterlegen konnte, und wieso er ihren Namen wusste. Die Worte hatten sie berührt, und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass er Recht hatte. Sie war in dieser grossartigen Rehaklinik mit dem Bewusstsein und dem Zugeständnis, dass alles wieder gut kommt. Und natürlich wäre sie an Weihnachten lieber woanders, aber die anderen Bewohner waren auch hier. Sie spürte, sie ist nicht allein und bemerkte die Worte taten ihr gut. Schnell packte sie ihre Jacke und ihr Portemonnaie und machte sich auf den Weg zurück, zum Restaurant. Schliesslich hatte sie noch einige Fragen an Sam und freute sich darauf, Weihnachten zu feiern.
 

Eli war so überrascht, dass sie sich auf das frisch gemachte Bett setzte und zu lesen begann:

 

Liebe Eli

Das stimmt natürlich was du mir gesagt hast: an den anderen Tagen diese Woche ist nicht Heiligabend. Glaub mir, kaum einer weiss das besser als ich.

Ich erinnere mich zurück, als ich an diesem Tag vor einem Jahr meinen Unfall hatte. Heiligabend, der Tag, an dem die grösste Arbeit für mich anfällt, der Tag der alles veränderte.

Ich war damals zu schnell unterwegs. Die Kurieraufträge sollten möglichst zügig erledigt werden, damit ich mir anschliessend selber noch einen gemütlichen Heiligabend gönnen konnte. Weihnachten das Fest der Liebe, der Nächstenliebe.

Dann passierte dieser Unfall…Es gibt die These, dass jedes Unglück seine positiven Seiten oder Chancen hat. Wer will das schon gerne hören, wenn man an einem Tiefpunkt angelangt ist.

Nun ich lernte sie kennen, diese Seite. Denn seither durfte ich hier in der Rehabilitationsklinik Bellikon jeden Tag ein wenig Weihnachten zw. Nächstenliebe erfahren. Denn es gibt nicht nur Engel im Himmel, sondern auch auf dieser Erde. Man muss lediglich die Augen dafür offen haben um sie wahrzunehmen und zu sehen. Dann ist das Herz offen zu empfangen und diese Nächstenliebe zu spüren.

Öffne deine Augen und du wirst die nächsten Tage Liebe geben und Liebe finden.

Am besten fängst du gleich damit an, denn je schneller du Liebe schenkst umso schneller kommt sie um ein Vielfaches zurück.

Weihnachtliche Grüsse Sam

 

Eli faltet nachdenklich den Brief zusammen und steckt ihn wieder ins Couvert. Zig Gedanken kreisen in ihrem Kopf. Was wollte Sam ihr damit sagen? Sie soll Liebe schenken? Nun wem denn? Sie brauchte jetzt doch selbst etwas Liebe, da sie allein mit Oberschenkelschmerzen an Heiligabend in der Rehabilitationsklinik ausharren musste. Währenddem ihre eigentliche Liebe, ihr Freund, in der Notaufnahme des Kantonsspitals Aarau Schicht arbeitet und anderen Menschen hilft. Und das an Heiligabend!

Da kam Eli ein Gedanke.. «Aber Moment mal, was würde denn passieren, wenn alle die an Weihnachten arbeiten - wie ihr Freund - zu Hause bleiben würden bei ihren Liebsten?»

Dann hätte sie heute um 18 Uhr nicht die wohltuende Physiotherapiestunde gehabt. Dann hätte sie Tage warten müssen auf den neuen angepassten Krückstock. Dann hätte sie kein aufmunterndes Gespräch mit der Dame von der Réception geführt, als sie einen Brief aufgeben wollte. Dann wäre ihr Bett jetzt nicht frisch bezogen und hergerichtet. Dann hätte sie heute keinen Kaffee in der Caféteria holen können. Dann gäbe es heute kein Nachtessen im weihnachtlich geschmückten Speisesaal. Dann…

Viele weitere Beispiele gingen ihr durch den Kopf und ihr wurde bewusst, dass viele Menschen im Dienste ihrer Mitmenschen sind und auf einiges verzichten, was in einem anderen Beruf weitgehend Normalität ist: Geregelte Arbeitszeiten, Wochenenden mit der Familie, Feiertage etc. und vor allem jetzt in diesem aussergewöhnlichen Jahr z. B. Homeoffice zum Schutz vor Ansteckung.

Die physischen sozialen Kontakte kamen zu kurz und vielleicht auch die nonverbalen Kontakte, da hinter der Maske oft ein Lächeln nicht erkannt wird.

Ob all diesen Gedanken traten bei Eli die Oberschenkelschmerzen in den Hintergrund und ihre Aufmerksamkeit wandte sich ab von dem, was sie heute nicht tun kann, sondern sie verwendete ihre Energie darauf, was sie heute tun könnte oder kann.

Als erstes ruft Eli ihre Eltern an und dankt ihnen für alles, was sie je für sie getan hatten und vor allem sagt sie ihnen: «ich liebe euch».

Als nächstes verfasst sie eine Sprachnachricht auf Whatsapp für ihren Freund und teilt ihm mit, wie stolz sie auf ihn sei, dass er seine Berufung im Dienste seiner Mitmenschen gefunden hat und dass sie ihn liebe.

Bereits schon etwas beschwingt macht sich Eli danach fertig für das Nachtessen im Speisesaal der Rehabilitationsklinik. Eigentlich hat sie bis jetzt nur «gegeben» und trotzdem fühlt sie sich auf eine Art beschenkt. Eli tritt aus dem Zimmer auf den Gang und trifft auf Angela die Stationsmitarbeiterin, welche heute am Heiligabend um 18.00 Uhr ihren Dienst angetreten hat. Zu Hause feiern ihre beiden Kinder mit ihrem Mann und den Grosseltern Weihnachten - ohne Angela.

Auf einmal nimmt Eli Angela mit offenen Augen wahr und sie steht für sie stellvertretend für alle Menschen, die im Gesundheitswesen für die Nächsten unterwegs und da sind. Eli dankt Angela für ihre Anwesenheit am heutigen Abend und schenkt ihr ein Lächeln, das auch mit dem Mundschutz an den leuchtenden Augen zu erkennen ist. Erfüllt mit dem Dank und dem Lächeln von Eli macht sich Angela an die anstehenden Aufgaben. Angela wurde richtiggehend infiziert von Elis positivem Feedback. So gibt sie gleich ihrer Kollegin Anna-Maria ein Kompliment weiter über die perfekte Übergabe und Planung des Abenddienstes.

Eli geht runter zum Speisesaal und begegnet rundwegs fröhlichen Menschen. Irgendwie fühlt sich alles anders an als am Nachmittag. So eine Art von Verbundenheit auch mit unbekannten Patienten oder Mitarbeitenden der Klinik, die man nicht oft gesehen hat.

Im Speisesaal fällt Eli auf, dass der Lärmpegel höher ist als üblich und die Leute sich vermehrt unterhalten. Sie schnappt einige Gespräche auf und stellt fest, dass nicht nur sie positive Rückmeldungen vergibt, sondern auch die anderen Frauen und Männer in ihrem Umfeld. Es vergeht nur eine kurze Zeit und Eli bekommt ein grosses warmes Dankeschön von einer Mitpatientin, auf deren kleine Tochter Eli vor zwei Tagen aufgepasst hat, während dem die Mutter ein wichtiges Telefonat führen musste.

Die gemeinschaftliche Stimmung im Speisesaal lässt viele aktuelle Probleme in den Hintergrund treten und hinterlässt bei jedem Einzelnen ein wohltuendes Gefühl im Herzen.

 

Eli stellt im Laufe des Abends fest, dass sie nicht die Einige war, die von Sam einen Brief erhalten hat. Die Briefe haben diese Welle der positiven Feedbacks und die Achtsamkeit auf den Nächsten ausgelöst.

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